Gedenkansprache



da stehen wir … und können es noch immer nicht wirklich fassen, das Dennis mit seiner Lebendigkeit, seinem Humor und seiner Lebensfreude nicht mehr mitten unter uns ist.

Er hatte sich auf seine Art einen ganz eigenen Weg im Leben gebahnt, nach einem schweren Start in der Kindheit einen guten Lebensflug hingelegt und hat ganz gewiss im Buch der Geschichte sein eigenes Blatt – als Himmelhund und Herzensfreund. Er hinterlässt große Spuren in dieser Welt – und eine ebenso große Lücke.

Alles hatte sich so gut gefügt in seinem Leben.
Das große Glück in der liebenden Gemeinschaft und Ehe mit Nicole, in der sie füreinander da waren – Hand in Hand, eingeschworen … unendlich glücklich.

Die Firma DryTec, die er selbst mit großem Einsatz aufgebaut und über viele Jahre mit seiner Ehefrau gemeinsam zu gutem Erfolg geführt hat.

Sein Hobby, die Fliegerei, vom Gleitschirmfliegen bis zu seinem Herzensprojekt den GrassHoppers, dem er all sein Herzblut gewidmet hatte … drei ziemlich beste Freunde gemeinsam am Himmel, voller Übermut und Freude Bilder und Figuren an den Himmel malend.

Die erste Formation in der UL-Klasse, die nach der Einladung zur Internationalen Luftfahrtausstellung im Mai nun auch noch die Titelseite im Aero-Kurier zierte und mit einem achtseitigen Artikel gefeiert wurde.

Auch das Wetter bei der Flugschau am 23. August in Dittingen hatte sich an diesem Tag optimal entwickelt. Nach dem Regen kam die Sonne raus, die Luft war wunderbar still ohne störende Thermik. Alle waren so voller Begeisterung, Stolz und Freude auf allen Ebenen.
Nicole, Britta und Iris freuten sich mit und waren so stolz auf ihre Männer.

Und dann dieser eine Augenblick, der alles veränderte und alle hochfliegenden Träume jäh abstürzen ließ. Nur ein Augenblick. Nur eine kleine Unachtsamkeit.

Ein Moment ohne Orientierung. Eine falsche Bewegung… und nichts ist mehr wie vorher.

Als wäre der Himmel selbst eingestürzt und hatte alles gewesene zusammen brechen lassen.
…und ALLES muss sich nun neu finden, muss neu geordnet werden, ohne ihn.

*

Nun sind wir hier, um von ihm noch einmal gemeinsam Abschied zu nehmen, … auch wenn wir diesen Schritt eigentlich noch gar nicht wirklich gehen wollen.

Doch das Leben, das Schicksal, die Turbulenz der Ereignisse in dem Bruchteil eines Atemzuges zwingt uns dazu.

Es ist und bleibt ein Schock, den wir noch nicht verdaut haben und noch lange daran zu verdauen haben.
Aber auch wenn es uns den Atem verschlägt, müssen wir versuchen, weiter zu atmen, das Unfassbare zu fassen, das Undenkbare zu denken. Denn alles was geschehen ist, gehört ab jetzt unabdingbar zu unserem weiteren Leben dazu.

Atmen, fühlen, denken…

Wenn wir eine Chance haben wollen, an dem Erlebten nicht zu zerbrechen, dann sind wir gefordert, mitten durch den Schmerz hindurch zu leben, den dieser eine Augenblick uns beschert hat.

Wenn wir nicht wollen, dass der Schock, der Schmerz, die Trauer des Verlustes unser Leben auffrisst, dann müssen wir uns all dem stellen und durch die Schleuse des Schmerzes langsam in ein neues Leben hinein leben.

Ein Leben ohne Dennis
- ohne den geliebten Ehemann
- ohne den begeisterten Aeronauten und GrassHopper.

Wir können es noch nicht fassen, aber wir werden neue Formen finden für unser künftiges Leben, für unsere weiteren Träume von unserem Leben.

Nichts wird mehr sein wie vorher, aber alles wird weiter gehen. …anders.

Atmen, fühlen, denken…

Nur wenn uns das gelingt, können wir wirklich lebendig bleiben, ohne innerlich abzusterben.
Können das Geschehene verwandeln, um weiter gehen zu können, in unserem Leben.

Und das ist wichtig! …denn da werden wir gebraucht!
Da stehen wir mitten in den Aufgaben unseres Lebens.

Sein Leben ist beendet – Unseres geht weiter.
Das würde er wollen.
Dafür würde ER uns Mut machen.

Das dürfen wir wissen und können es vielleicht sogar in manchen Augenblicken auch spüren.
Wenn wir innehalten – wie jetzt in diesem Augenblick – und uns bewusst mit ihm verbinden.
Das wir seinen Segen haben, dass er uns mit seiner Lebendigkeit und Lebenskraft Mut macht, um weiter zu gehen.
Wir leben unser Leben weiter und tragen darin auch ein wenig sein Erbe weiter – seine Träume, seine Liebe.

Als geliebter Ehemann und als treuer zuverlässiger Freund war Dennis bis hierhin ein wichtiger Teil unseres Lebens.
Nun wird er mitten in uns weiter leben.
In den Erinnerungen. Den Träumen.
So vielen kleinen Momenten im Alltag.
In unseren Herzen.

Wir haben nun eine neue Verbindung zu ihm
Wir müssen nur noch lernen, mit dieser Verbindung umzugehen.<br />
Es ist ein bisschen so, als würde er mit seiner Maschine immer noch über unseren Köpfen fliegen. Unseren Blicken enthoben, aber nicht unserer Verbindung mit ihm.

Wir sind die Bodenstation und haben einen zuverlässigen Herzenskontakt.
Und können uns immer noch an ihn wenden.
Hallo Dennis … wie ist die Sicht? Sind wir noch auf Kurs?
Drei Wochen sind nun seither vergangen. Drei schwere Wochen, in denen vor allem Nicole schier übermenschliches leistete und trotz allem Schmerz so vieles zu organisieren, zu klären und zu ordnen hatte.

Vor allem aber hat sie in dieser Zeit beherzt nach und nach die Schritte des Abschieds bewusst und achtsam setzen können, die durch seinen jähen Tod gesetzt werden mussten. Konnte ihm noch mal begegnen – bei ihm innehalten und trauern – ihn ins Feuer begleiten – die Urne in Empfang nehmen – diese Feier vorbereiten.
Atmen, fühlen, denken …

In diesen Wochen war letztlich jeder, der von seinem Tod berührt ist , im Grunde auf sich selbst gestellt – mit den Gefühlen und Gedanken alleine.

Heute können wir endlich in der Kraft der Gemeinschaft, die durch Dennis in seinem Leben zusammen geführt und verbunden wurde, innehalten, uns gemeinsam an den Händen nehmen, fühlen lassen, dass wir füreinander da sind und wichtige Schritte gemeinsam gehen.

Heute können wir uns noch einmal gemeinsam an Dennis erinnern, ihn mit all seiner Lebensfreude und Kraft in diese Gemeinschaft einladen. Erinnerungen teilen, die sie mit ihm erlebt haben, die Spuren anschauen, die er in dieser Welt hinterlassen hat…  gemeinsam trauern und Abschied nehmen.

Ich möchte ihnen allen von Herzen Mut machen, sich auch in der kommenden Zeit immer wieder mal zusammen zu finden – Erinnerungen zusammen zu fügen und auch einfach nur still füreinander da zu sein, für seine Freunde, fliegenden Kameraden und Himmelhunde und vor allem für Nicole, die damit leben lernen muss, dass es da jetzt einen großen leeren Raum in ihrem Leben gibt, den Raum, den Dennis vorher so wundervoll ausgefüllt hat!

In diesen letzten Wochen haben viele Freunde geholfen diesen schweren Moment des Abschieds vorzubereiten und auch heute hier aufzubauen. Einige haben sich zusammen getan, um ihre Erinnerungen und Bilder zusammen zu fügen und gemeinsam dem Leben von Dennis nachzuspüren.

Als Barmann im Fliegerhorst, lernten Dennis, Erik und Heinz Sonny van Vika kennen, einen Filmemacher, der gemeinsam mit ihnen und Felix die Idee entwickelte, einen Imagefilm über die GrassHoppers zu drehen. Viele wunderbare und atemberaubende Aufnahmen wurden gemacht – die Idee für den Film reifte weiter.

Doch dann zerstieben alle hochfliegenden Pläne in jenem unbedachten Augenblick und so bekommen die Aufnahmen für diesen Film noch mal eine vollkommen andere Bedeutung.

Sie wurden neu zusammen gefügt – anders als geplant.
Als Dokumente der Begeisterung und Lebensfreude – dreier Himmelhunde.
Als Gedenkstein – als Nachruf.

Dem Film wurde nun Dennis’ Lieblingslied zugrunde gelegt „Aces high“ und darauf hin zugeschnitten. Sie kennen alle Dennis’ Begeisterung für die Heavy Metal Musik von Iron Maiden.
Ebenso ist dieser Film geworden, den wir ihnen nun zeigen wollen.
Er ist heftig, aufwühlend, schnell und unendlich intensiv. Wie das Leben von Dennis.

So viel beeindruckende Lebenskraft!
So viel Begeisterung und Kreativität in der Gestaltung von Leben, Lieben und Fliegen!

Immer noch eine Stufe weiter. Immer noch ein bisschen perfekter. Als gäbe es ein geheimes Ziel, unseren Blicken verborgen – weit hinter dem Horizont – gemeinsam mit all den anderen sturmfesten Himmelhunden.

So ist das Leben – so ist die Welt.
So entfaltet sich die Schöpfung … nie gibt es ein Ende.
Immer geht es weiter – hinter dem Horizont.
Immer gehen einige voran.

Alle weit Reisenden wissen das sehr genau.
Seeleute, Piloten, Astronauten
Ganz egal wie weit und wie hoch ich fliege, immer eröffnen sich dem Blick neue Welten.

In jedem Augenblick sehen wir dabei immer nur bis zum Horizont und sind gefordert in unserem Blickfeld zu leben und zu überleben. Da kennen wir uns aus – finden Orientierung und Halt. Manche bleiben ihr Leben lang innerhalb des vertrauten Blickfeldes – andere streben mit besonderer Macht immer weiter, neuen Welten entgegen.

Und nun stehen wir, die wir zurück bleiben, hier in den Grenzen unseres Blickfeldes und schauen Dennis hinterher, der wieder eine Grenze überschritten hat – ungeplant, ungewollt, … aber mit einer Wucht, die unser aller Leben verändert.

Wir bleiben zurück. Zutiefst schockiert und verletzt und mit so vielen Fragen.

Warum? – Wohin? – Wie?

Warum musste das alles passieren?
Wohin ist er nun aufgebrochen, an welchem Horizont orientiert sich jetzt sein Flug?
Wie können wir weiter leben, mit all dem, was passiert ist?

*

Seine Leidenschaft für das Leben, Lieben und Fliegen erinnert mich an eine Geschichte von Richard Bach, der selbst Kunstflieger war.
„Die Möwe Jonathan“ spürte auch einen Drang immer höher, immer weiter und immer schneller zu fliegen – immer noch ein Stückchen näher an den vollkommenen Flug.
Er stieg in immer höhere Sphären und entfernte sich immer weiter von der normalen Gemeinschaft der Möwen, die sein Streben misstrauisch beäugten.

Eines Tages spürte er, von einem Augenblick auf den anderen, dass er in einer anderen Welt war – von anderen Kräften getragen – von strahlenden Möwen begleitet, die atemberaubende Figuren und Geschwindigkeiten fliegen konnten.

Das war was er angestrebt, wofür er gelebt und gelernt hatte.
Er war in einer Welt jenseits dieser irdischen Horizonte und Beschränkungen angekommen.
Der vollkommene Flug, wie er ihn gesucht hatte, war erst in jenen Welten möglich. Aber da mit vollkommener Leichtigkeit – ohne jede Anstrengung.

Ja, dafür leben wir!
HIER sind wir zum Lernen.
In den manchmal schweren Natur- und Schicksalsgesetzen dieser Welt.
In den eigenen Lebensaufgaben und Herausforderungen in denen wir wachsen können!
Über uns selbst hinaus. Auch und vor allem in Momenten wie diesen.
Wir sind hier, um uns in Liebe zu verbinden und miteinander Erfahrungen zu machen, … die wir oft genug in den Momenten nicht verstehen können, in denen sie geschehen, deren Wert und Bedeutung sich aber meist im Rückblick klar erschließt.

Wir sind alle miteinander verbunden in einem unendlichen Gewebe von Beziehungen und Erfahrungen, das weit über diese Welt und dieses Leben hinaus reicht. Über alle Horizonte hinweg.

Jeder lebt und geht, wirkt und liebt in seinem Schicksal. Aber niemand ist darin für sich alleine.
Jeder hat Verantwortung für die eigenen Handlungen und unabdingbar mit allem was er tut, Wirkung auf andere Schicksale.
Wirkung – nicht Schuld!

Jeder muss mit seinen Erfahrungen leben und weiter lernen.
Und kann darin bestehen – und weiter wachsen.

*

HIER leben wir in einer sehr materiellen Welt.
Aber Nichts nehmen wir mit über den Horizont hinaus.
Nicht den Körper, kein Haus, kein Grund, kein Geld … keinen Flieger.

Aber alle Aufgaben, in denen wir bestanden haben.
Alle Liebe, die wir gelebt haben. Die tragen uns weiter

So wie Dennis weiter getragen und begleitet wird, von seinen Erfahrungen und von unserer Liebe und Dankbarkeit und all den freudigen Erinnerungen. All dies zusammen wird ein tragender Wind unter seinen Flügeln sein, dessen Strömung niemals abreißen wird.

Weil alles was in dieser Welt so tief verbunden wurde über alle Horizonte dieser Welt hinaus bestand hat und in jenen Welten weiter trägt, in denen der Flug noch intensiver und lichtvoller möglich sein muss, noch höher, schöner, schneller, weil kein Körper von den Gesetzen der Natur gebremst wird – weder Schwerkraft, Aerodynamik noch Thermik.

Wir dürfen das wissen – wir können das fühlen – weil wir diese Liebe immer noch fühlen – weil sie uns und ihn trägt. Weil sie alle Welten miteinander verbindet. Weil sie die Quelle ist, die unser Leben begründet hat und uns die Kraft gegeben hat, uns zu entfalten. Und uns auch in diesen Momenten Kraft gibt, um darin bestehen und über uns hinaus wachsen zu können.

Nun, wo er sich ganz dem Irdischen enthoben in jede Welten aufgeschwungen hat, sind auch wir gefordert, diese tragende Kraft wahrzunehmen… über den Horizont hinaus…

Er ist uns einen großen Schritt voraus – in anderen Welten, anderen Horizonten – mit allen anderen sturmfesten Himmelhunden. Und kann von da aus auch für uns liebender und schützender Begleiter sein.

Dennis Piroschinski ,* 11.02.1965 , † 23.08.2015

Text: Lupus M. Richter, WildRose-Zentrum Freiburg, Praxis für freie Seelsorge